Anbei die Titelgeschichte "Schlangenfraß" das nach "Der Gazelle" mit weiteren 27 Geschichten ab November 2021 seinen Weg in die Veröffentlichung finden wird. Wir haben uns beim Finden des Titels darauf geeinigt, wieder eine Tiermotto als Buchtitel zu wählen, um in der Reihe konsistent zu bleiben. Gelesen wird die Geschichte von Matthias Keller, der mit seiner unvergleichlichen Stimme die Geschichte zum Leben erweckt. Aber hören und lesen Sie selbst:







Schlangenfraß


© Thomas Heitlinger  2021


Vor ca. fünf Jahren war er vom tiefsten Landesinnern in die Stadt gezogen, um dort sein Glück zu versuchen. Allerdings hatte dieser Versuch zwischenzeitlich in einer Zweieinhalb Zimmerwohnung geendet, die er in den ersten Jahren in Gemeinschaft mit dem Fernseher bewohnte.


Erst als ihn die Einsamkeit nach der Arbeit schier in den Wahnsinn gedrängt hatte und ihm immer häufiger von Freunden beschieden wurde, dass er zunehmend wunderlicher würde, hatte er sein Problem erkannt und reagiert. Allerdings auf eine Weise, die seine Umgebung eher schockierte als erfreute. Es hatte damit begonnen, dass er während eines einsetzenden Schauers vor den Schaufenstern einer Tierhandlung Zuflucht gesucht hatte. Und während er auf das Ende des Regens warten musste, studierte er neugierig die lebendige Auslage.


Reptilien hatten ihn seit jeher fasziniert und mit einem Schauer auf dem Rücken dachte er noch heute oft an die Stunden, in denen er zusammen mit seinem Onkel in früheren Jahren im städtischen Vivarium zu Besuch gewesen war und dort von den Eidechsen und Schlangen unheimlich in Bann gezogen worden war.


So stand er damals vor dem Laden, die Nase platt an die Scheibe gedrückt, und selbst als der Regen längst vorbei war, stand er noch immer, wie von einem unsichtbaren Magneten gehalten, davor.


Am nächsten Tag betrat er das Geschäft und kaufte kurzentschlossen einen jener Glaskästen, der ihm zukünftig als Terrarium dienen sollte. Daheim angekommen füllte er ihn sorgsam mit Steinen und Gras, um dann eine wahre Rarität in die Glaskiste zu entlassen.


Dabei handelte es sich um eine achtfüßige, handtellergroße Vogelspinne mit haarigen Beinen und sechs Augen, die sofort hinter dem künstlich aufgeschichteten Gelände Schutz suchte.  


Das Terrarium entwickelte sich im Laufe der ersten Zeit zum eigentlichen Mittelpunkt seines Lebens. Arbeit und Arbeitskollegen wurden ebenso nebensächlich wie die ihn umgebenden Freunde. Aber eigentlich störte ihn diese gewählte Isolation nicht, sofern er nicht durch die Unwägbarkeiten des täglichen Lebens darin gestört und abgehalten wurde.  


Nach und nach entwickelte sich die Wohnung in eine von vorsintflutlichen Lebewesen bevölkerte Welt, deretwegen er sowohl die Küche und das Bad als auch Wohn- und Schlafzimmer geopfert hatte. Er selbst nächtigte in der Zwischenzeit im Flur, der einfach zu dunkel und zu eng war, als dass man dort ebenfalls eine Behausung für die Reptilien hätte aufbauen können. In der Zwischenzeit beherbergte er neben zahlreichen Spinnen etliche Schlangen, die größte davon war eine ca. ein Meter lange Boa constrictor, von der der Verkäufer behauptete, dass sie noch auf mindestens drei Meter heranwachsen würde, daneben einige Leguane und sonstige Eidechsen.  


Kürzlich hatte er sogar mit dem Gedanken gespielt, ein kleines Krokodil in der Nasszelle unterzubringen, war aber dann von dem Gedanken abgewichen, als er sich dessen bewusstwurde, dass nach und nach daraus ein größeres Problem im eigentlichen Sinne entstehen könnte.


Sein Auto hatte er verkauft und er glaubte von sich zu wissen, dass sein Leben plötzlich einen Sinn bekommen hatte. Stundenlang stand er vor den Terrarien, fütterte die ihm anvertrauten Geschöpfe mit lebenden Mäusen und Ratten und beobachtete mit stiller Freude das Fressen und Gefressen werden, um sich anschließend mit aufopfernder Mühe dem Säubern der Käfige hinzugeben.


Die Wende begann wiederum an einem Regentag. Er war in just eben jener Tierhandlung einkaufen gewesen, in der sein Traum den Anfang genommen hatte. Diesmal war er hier, um sich verschiedene Utensilien zu besorgen, die er für seine Schützlinge dringend benötigte.


Der Verkäufer hielt ihm, seinem ’besten Kunden’ wie er immer scherzhaft zu sagen pflegte, noch die Türe auf und verabschiedete sich mit überschwänglichem Dank. Kurz vor der Straßenbahnhaltestelle setzte ein leichtes Nieseln ein.  


Mit schnellen Schritten beeilte er sich, zu der Überdachung an der Haltestelle zu gelangen. In der Eile stieß er dabei mit einer adretten jungen Dame zusammen. Bei dem plötzlichen Zusammenstoß platzte eine ihrer prall gefüllten Plastiktüten, deren Inhalt, bestehend aus zahlreichen Haushaltswaren, sich scheppernd und zur Unterhaltung der Wartenden vor der Haltestelle verteilte. Vielmals entschuldigend sammelten sie beide die herumliegenden Gegenstände zusammen in eine improvisierte Tasche, die er zufällig bei sich trug.  


Zögernd, ja beinahe schüchtern unterhielten sie sich und stellten lachend fest, dass auch sie nicht aus der Stadt stammte, sondern von weit weg, irgendwoher aus einem entlegenen Landesteil. Ihre Unterhaltung dauerte weiter an und so merkten sie kaum, dass schon mehrere Straßenbahnen gehalten hatten. Erst nach einer Stunde sah sie auf ihre Uhr und bemerkte mit offensichtlichem Schrecken, dass sie nun aber dringendst gehen müsse. Doch, ja, ihre Adresse wollte er noch wissen, und sie tauschten ihre Anschriften aus mit dem Versprechen, sich bald wieder zu sehen.

Ziemlich aufgedreht ging er seines Weges und nur langsam realisierte er, dass sich etwas in seinem Leben zu verändern schien.


Daheim angekommen ging sie ihm nicht aus dem Kopf. Die Leidenschaft, mit der er die vielen Tiere gehegt und gepflegt hatte, war wie verflogen und nur widerwillig war er bereit, den alltäglichen Arbeiten nachzugehen. Schließlich unterbrach er die Fütterung seiner Schützlinge und rief bei ihr an. Ja, sie hätte schon Lust, sich mit ihm zu treffen, heute würde es allerdings nicht mehr gehen.  


So einigten sie sich auf einen Termin in der nächsten Woche, wo sie sich in einem kleinen Café im Zentrum der Stadt treffen wollten.


Ungeduldig erwartete er die Zeit bis zu ihrem Wiedersehen. An dem Tag ihres Treffens erwachte er bereits mit einem Gefühl, wie er es nur an Weihnachten als Kind gekannt hatte.


An diesem Morgen vergaß er in seiner Euphorie erstmals, die Reptilien zu füttern.  


Tatsächlich verlief seine Begegnung mit Barbara – „Was für ein schöner Name!“ - in einer sehr angenehmen Atmosphäre. Allerdings bemerkte er bei der Rückkehr, dass sich die Boa constrictor selbstständig gemacht hatte, in das Spinnenterrarium eingedrungen war und dort ein Massaker angerichtet hatte. „Sei’s drum“, dachte er. Jetzt bewegten ihn anderes. Und er traf bald darauf eine Entscheidung, auch weil er in Gedanken damit begonnen hatte, Barbara zu sich in die Wohnung einzuladen.


Verschiedene Tiere und Terrarien konnte er am nächsten Morgen direkt an Liebhaber und Sammler verkaufen. Trotzdem verblieben ihm die Schlange und der Leguan, für die sich auch in der nächsten Zeit keine Abnehmer fanden.


Dafür entwickelte sich seine Beziehung zu Barbara erfreulich schnell. Sie trafen sich nun  einmal wöchentlich. Erst gestern war er in ihrem Appartement gewesen und sie hatten einen wirklich schönen Nachmittag verlebt. Das nächste Treffen sollte nun in seiner Wohnung stattfinden. Diese sah in der Zwischenzeit wieder einigermaßen bewohnbar aus. Störend wirkte jedoch das Schlangenterrarium und auch die Glasvitrine mit dem Leguan. Sie machten auf nichtsahnende Besucher eher einen bedrohlichen Eindruck. Es musste etwas geschehen!


Pünktlich um drei klingelte es an der Tür. Schnell betätigte er den Öffner. „Ich bin's“, klang ihre zarte Stimme fern durch das Treppenhaus, während ihre Schritte immer näher hallten.


Er hatte seinen besten Anzug angezogen. „Da bin ich“, flüsterte sie leise, als sie seine Wohnung betrat. Er begrüßte sie überschwänglich mit einem zarten Kuss auf die Wange, um gleich den überdimensionalen Blumenstrauß in eine Vase zu stellen.  


„Schön hast du's hier“, sagte sie artig, während sie aus dem Fenster blickte, „und wie es duftet.“ „So soll es sein! Extra für dich!“, ergänzte er feierlich, während er sie in das festlich vorbereitete Wohnzimmer führte. „Ich hab´ eine Überraschung für dich“, verkündete er verheißungsvoll, während sie ihn mit glücklichen Augen erwartungsvoll anblickte.


Spät an diesem Abend fanden sie sich beide fest umschlungen auf dem Sofa wieder. „Wirklich köstlich, das Essen, das du für mich bereitet hast. Du bist ein richtiger Schatz“. Stolz grinste er. „Doch du hast mir immer noch nicht gesagt, was das für außergewöhnlich zartes Fleisch war? Das Rezept ist toll, das musst du mir unbedingt verraten.“


„Nun Barbara“, erwiderte er geheimnisvoll, „denk dir einfach, dass es ein exotisches und vor allem auch ein einmaliges Mahl gewesen ist.“


Und während er tief in ihre Augen blickte, näherte er sich ihren Lippen.