Pandemie

Thomas Heitlinger (c) 2021


Luc verschloss sorgsam die silbrig glitzernde Röhre. Nochmals vergewisserte er sich, dass die Hitzekacheln keinen Schaden zeigten. Dann legte er die Rohrpost in den Abwurfbehälter, dessen Abdeckung auf Knopfdruck zischend geschlossen wurde. Die Uhr zählte die verbleibende Zeit herunter: ’30 Sekunden, 20 Sekunden, 10 Sekunden. 3, 2, 1, Freigabe! Die Außenluke schwang auf und entließ die Fracht in Richtung Erde. Luc schaute wehmütig dem immer kleiner werdenden schwarzen Pünktchen am blauen Himmel hinterher. Mit Erreichen der Atmosphäre begannen die Hitzeschilde hell aufzuleuchten, doch schon kurz darauf erlosch der flackernde Schein.


Unten auf der Erde wurde er eines dieser riesigen Luftschiffe gewahr, die nach der Pandemie zum Einsatz gekommen waren. Weiter links erkannte er trotz der Höhe einen gewaltigen Dampfzug, der die Landschaft durchzog.


Ein Piepen am Handgelenk erinnerte ihn an seine Arbeit. Er seufzte kurz und laut auf. Das Piepen wurde schriller und schriller und forderte nachdrücklich die sofortige Erledigung der Aufgaben, die anstanden. Er quittierte den Ton mit einem Tastendruck und begann, die Navigationslichter auszurichten. Für den Morgen war die Ankunft einer Versorgungskapsel avisiert. Seit der Katastrophe war jeder Versorgungsflug ein Vabanque-Spiel, obwohl die russische Technik eigentlich sehr robust war.


Jeden Tag wurde er erneut an den Beginn der Katastrophe erinnert. Sie saßen damals beisammen im morgendlichen Briefing in der Messe der Raumstation und besprachen den täglichen Arbeitsplan. Doch ... was war jetzt los? Völlig unvermittelt brach die Verbindung zur europäischen Raumfahrtagentur ab. Während sie noch nach der Ursache suchten, begann die Leitung zur NASA zu wackeln. Der letzte Funkspruch war verstümmelt und sprach von eigenartigen Problemen technischer Natur auf der Erde. Dann verstummte die Stimme und auch die Datenleitungen waren     tot. Die Russen reagierten noch. Iwanovichs Nachfrage blieb eigenartig indifferent. Man wisse nichts von Problemen - welcher Art auch immer. Noch im selben Augenblick wandelte sich die Stimmung auf der Station schlagartig in eine feindselige. Die drei Amerikaner, Luc, George und Adams, zogen sich sofort in ihren Bereich zurück und stellten den Kontakt zu den beiden Russen Iwanovich und Rubikon ein.


Doch auch die Nachrichten über die geheime, verschlüsselte Leitung der Amerikaner begannen zu zerhacken, um danach den Betrieb einzustellen. Sie wussten genau, dass die Russen ebenfalls über eine solche Möglichkeit verfügten! Die letzten Meldungen waren eindeutig, der Befehl klar: Eine Evakuierung der Raumstation wäre nur im allerletzten Augenblick zulässig, die Stellung sei bis zum Ende zu halten. Eine Zahl wurde durch den Controller hektisch wiederholt: ’111.09’ bis die Verbindung schließlich ganz zum Erliegen kam.


Das irgendetwas Schlimmes mit erheblicher Wirkung passiert sein musste, ergab sich noch am Morgen, als die im Orbit befindliche Raumstation der Chinesen mehr und mehr an Höhe verlor, ins Taumeln geriet, um schließlich unkontrolliert auf die Erde und, wie sie später erfuhren, ins Meer zu stürzen.


Doch was war geschehen? Noch am Nachmittag desselben Tages trafen sich die Raumfahrer in der Messe. Statt eines Kommandanten hatten sie plötzlich deren zwei, Luc für den amerikanischen und Rubikon, selbst ernannt, für den russischen Teil der Station. Vorsichtshalber und um Missverständnissen aus dem Weg zu gehen, beschlossen die Astronauten in einem konstruktiven Gespräch, die Station in Sektoren einzuteilen. Eine gemeinsame Bestandsaufnahme ergab, dass Wasser und Lebensmittelvorräte auf ein Jahr dimensioniert waren und mit etwas Einschränkung auch drei Monate länger reichen würden. Kein Gedanke wurde auf den Einsatz der Rettungskapsel verschwendet. Erst musste klar sein, was da unten auf der Erde vor sich ging. Und das blieb ein ungelöstes Rätsel. Immer wieder beobachteten sie von der Ausguckkuppel den blauen Planeten. Doch weder erschütterten Atomblitze die Oberfläche noch waren Vulkanausbrüche oder andere Naturkatastrophen zu verzeichnen. Die Temperaturscans von der Erdoberfläche skalierten im Rahmen des absolut Üblichen. Allerdings, und das war ihnen auch bereits in den ersten Tagen aufgefallen, war der Flugbetrieb völlig zum Stillstand gekommen.


In den folgenden Tagen blieb das tägliche Arbeitsprogramm gleich. Forschungen und Experimente waren durchzuführen und ein enger Stundenplan gab nur wenig Zeit zum Nachdenken. Doch die Stimmung war verändert. Unheil lag in der Luft und wartete jeden Moment darauf, unkontrolliert und offen ausbrechen zu können. Nachrichten von der Kontrollstation blieben aus. Die Kommunikationseinrichtungen blieben eigenartig stumm.


Unvermindert glitt die Raumstation durch den Orbit. Sechszehn Mal umrundete sie in 24 Stunden die Erde. Die Stimmung an Bord besserte sich nicht, sie wurde im Gegenteil bald unerträglich. Zwar waren die nationalen Spannungen gewichen, als allen Raumfahrern klar geworden war, dass ein irdisch globales Ereignis den Erdball getroffen haben musste. Allein die Ungewissheit über den Verbleib von Freunden und Angehörigen, aber auch die Frage nach einer Rückkehr, lastete wie ein schweres Gewicht auf ihren Gedanken und bedrückte sie. Jeden Nachmittag kamen sie nun in der Messe zusammen und tauschten alle vorliegenden Informationen aus. „111.09“, murmelte Luc, „was soll das bedeuten?“


Ivanovic hatte schließlich die rettende Idee. Die beiden Russen hatten zur Aufheiterung einen ihrer letzten Beutel Wodka geopfert. „Einen Versuch ist es wert“, murmelte Ivanovic plötzlich. Er glitt zur Kommunikationseinheit und stellte den Regler auf Kurzwelle um. Langsam drehte er den Sendersuchknopf. Ein unbestimmtes Rauschen drang aus den Lautsprechern. Ivanovic drehte lauter. Das Rauschen erreichte die Stärke einer Meeresbrandung. Und plötzlich, inmitten der gleichförmigen Geräusche bei ’111.09’, registrierten sie eine Kette von Tönen, von kurzen und von langen Piepsern. Keine Frage. Dort unten versuchte jemand, mit Morsezeichen einen Kontakt aufzubauen.


Hektisch notierten sie die Zeichen. Luc zögerte einen Augenblick. Dann rief er auf seinem Laptop die C#-Umgebung auf, um in der nächsten Stunde ein einfaches Dechiffrierprogramm zu basteln. Ivanovic notierte fleißig die Übermittlung der Signale und Rubikon überwachte die korrekte Notation der Zeichen. „Voilà!“, rief Luc schließlich. „Die ersten paar Seiten sind voll, wir können mit dem Übersetzen beginnen.“


Der händische Transferprozess der Schriftzeichen in das Programm war außerordentlich mühsam und langwierig. Aber nach weiteren 45 Minuten lag das Ergebnis vor. Eine Botschaft von der Erde!

Zwar waren geschlagene 26 Seiten mit Punkten und Strichen notiert, das Ergebnis als Extrakt war eine knappe Nachricht, die von den Ereignissen auf der Erde berichtete.


Die ersten Informationen waren stark zusammengefasst und sehr im Ungefähren. Eine bislang unbekannte Epidemie hatte von allen Computerchips der Welt Besitz ergriffen. Die Prozessoren wurden von innen heraus beschädigt und angefressen, ohne dass auf Anhieb eine plausible Erklärung geliefert werden konnte. „Es gibt keinen Schutz, der derzeit die Zerstörung der Hardware verhindern könnte. Alle und alles ist betroffen. ISS, bestätigen Sie mit der Flutlichtanlage!“ Nach dieser Sequenz erfolgte eine erneute Wiederholung der Mitteilung.


„Nastrovje!“, prostete Ivanovic den anderen zu. George und Luc eilten sofort zur Kontrolleinheit um festzustellen, dass eine alternierende Programmierung in Form einer Lichtorgel für die ISS nicht vorgesehen war. Passende Schalter gab es aber zuhauf, man würde löten müssen.


Es dauerte noch Tage, bis eine rudimentäre Kommunikation zur Erde möglich war. In einer bislang noch nicht erlebten Langsamkeit optimierten sie Schritt für Schritt die Abläufe. Ivanovic notierte zwar noch die Morsezeichen auf Papier, aber man hatte in der Softwareauslieferung eines der Bordrechner ein OCR-Programm gefunden, so dass die Punkte und Striche über einen Scanner schnell digitalisiert werden konnten.


Immer neue Informationen über die eingetretene Situation auf der Erde komplettierten das Bild. Kein einziger Rechner auf der Welt war der Pandemie entkommen. Meist stellten sie unvermittelt den Betrieb ein. Ein Softwarefehler konnte es nicht sein, alle Betriebssysteme waren davon betroffen. Es lag eindeutig an der Hardware und dort zumeist am Schaden in den verbauten Prozessorkernen. Gleich zu Beginn der Pandemie war das Ausmaß des Schreckens deutlich sichtbar geworden. Server, Laptops und private PCs aber auch Handys, Autos, Flugzeuge, ja sogar Küchengeräte, Rasenmäher oder Staubsauger sowie allerhand andere Dinge, die in der Vergangenheit mit Prozessoren ausgestattet worden waren, stellten unvermittelt und ohne Chance auf ein erneutes Hochfahren den Betrieb ein. Selbst die U-Boote auf Tauchgang waren von der Pandemie betroffen. Ein totales Chaos brach in allen Lebensbereichen aus. In der Not besann man sich zurück auf die Zeit vor der Elektronik und stellte, soweit man überhaupt noch die Hardware und die zugehörigen Dokumente fand, auf die zuvor vorhandenen mechanischen Lösungen um. „Faszinierend“, bemerkte Rubikon und die anderen stimmten sprachlos zu.


Der Versorgungsfrachter kam in Sichtweise. Es kamen nur noch russische Flüge an. Die Russen waren am besten mit der Pandemie zurechtgekommen. Auf Prozessortechnik hatten sie weitgehend verzichtet, oder wenn, dann nur als Kontrolleinheit um die Mechanik herumgebaut. Der Signaltracker an der Kapsel erfasste den Laserstrahl aus der ISS. Immer wieder korrigierten die Schubdüsen leicht den Kurs, dann rastete der Frachter auf dem Versorgungsarm ein. Der letzte Abschnitt der Reise, die Desinfektion, begann. Sollte es der Pandemie gelingen, auch auf der ISS Fuß zu fassen, wäre das letzte irdische Hochleistungsrechenzentrum ebenfalls zerstört.


Der Frachter öffnete wie ein Schmetterlingsfalter alle Luken. Für 24 Stunden würde die tödliche UV- und Röntgenstrahlung das annähernde Vakuum sowie Hitze und Kälte alles Leben in der nun geöffneten ungeschützten Kapsel restlos zerstören.


Weitere 24 Stunden würden also vergehen, bis sie die sehnlichst erwarteten Lebensmittel ausladen durften. Daneben aber auch, je nach Staatsangehörigkeit, eine Kiste mit den Rohrpostbehältern, sorgsam gefüllt mit unzähligen Zeilen an Programmlistings, denn der Bedarf an hochkomplizierten Rechnungen war auf der Erde weiterhin unvermindert vorhanden. Zwar arbeiteten die Ingenieure auf der Welt mit Hochdruck daran, wenigstens wieder CDs als Datenträger nutzbar zu machen, aber das würde ohne Prozessoren noch einiges an Zeit benötigen. So blieb nur das gute alte Programmlisting, auf Papier geschrieben, in der Hoffnung, dass sich keine semantischen oder syntaktischen Fehler eingeschlichen hatten. Sobald die Listings eingescannt oder eingehackt waren, wurden die Daten dazugeladen, die Programme kompiliert und das Ergebnis zumeist wieder auf dem ebenfalls mitgeliefertem Papier ausgedruckt und über die Rohrpostbehälter zurückgeschickt.


„Welch ein Wahnsinn“, dachte Luc, „unvorstellbar“, murmelte er, als er die nächste silbrige Dose für den Abwurf auf die amerikanische Seite vorbereitete. Immerhin musste er nicht die Abwurfrouten mit einem Röhrentaschenrechner aus dem Museum berechnen, wie es wohl am Boden momentan der Fall war.


Luc dachte an die viele Arbeit, die erneut vor ihnen lag. Es war in der Zwischenzeit egal aus welcher Richtung die Programmstellung kam. Ob aus Wirtschaft, Forschung oder dem Militär. Alle brauchten die Rechenleistung aus den letzten verbliebenen und funktionstüchtigen XEON-Prozessoren.


Zischend öffnete er erneut die Klappe und die Rohrpost verschwand in Richtung Erde. Er seufzte tief angesichts dieser unglückseligen und schier ausweglosen Situation.


„Ob es jemals wieder so werden würde, wie es früher war?“ Denn noch immer suchten Wissenschaftler der ganzen Welt unermüdlich verzweifelt und doch vergeblich nach einem Gegenmittel. Gegen die Pandemie, die so plötzlich innerhalb weniger Wochen das ganze Leben auf der Erde um fast ein technologisches Jahrhundert zurückgeworfen hatte. Eine Pandemie, deren Auswirkung und vor allem deren Ursache in den ersten Tagen nicht ernst genug genommen und zu lange angezweifelt worden war:


Die Pandemie, die der Ausbreitung einer Mikrobe mit dem Namen Silicon communi alio pediculum geschuldet war oder, wie die deutsche Übersetzung hieß:  Der gemeinen Silizium-Laus!